Die vier Musketiere aus dem Rheingau

So, das war sie nun – die Verkostung der „Vier Musketiere“ – wie Frank R Schulz vom Deutschen Weininstitut sie einmal auf Facebook nannte!

Auf was ich mich da einließ, als ich das Probenpaket bestellte, war mir nicht klar. Ich war neugierig aufgrund der „Sensationsbeschreibung“ von Mario Scheuermann http://weinreporter.posterous.com/die-ress-kollektion-2011. Gehört hatte ich zuvor, dass Stuart Pigott diese Weine bereits in der FAZ als Ausnahmeweine bezeichnete und Manfred Klimek, CaptainCork hat sich geärgert, dass er in der Zeitschrift „Die Welt“ nicht der Erste war mit seiner Veröffentlichung http://www.captaincork.com/Weine/Dirk-Wuertz-Balhasar-Ress-Rieslinge-Nussbrunnen-Berg-Rottland-2011-Kaufempfehlung. Also, ziemlich großer medialer Auflauf für einen Winzer und seine Weine.

Letzter „Bestellungs-Auslöser“ war die Aussage „Für uns ist die Rebsorte nicht wichtig, sondern die Herkunft“ und dieser wollte ich nachgehen.

Ich kenne mich im Wein ziemlich gut aus und bin Verfechterin Deutscher Weine, nur wollte ich dieses Kaliber nicht alleine stemmen. Und das war gut so.

Ingo Bargatzky hat seine Räumlichkeiten, das Weinparlament in Ratingen zur Verfügung gestellt und es fanden sich schnell „Verkoster“ dafür. Allesamt aus meinen FB-Freundschaften, rekrutiert aus der Gruppe „Weinfreaks.de“. Wir waren ein perfekt abgestimmtes Team aus Wein-Profis und Kenner/Genießer/Freaks hatten. Ingo Bargatzky, Christian Seegers (Weinnase CpS), Kai Kalinka (angehender Weinakademiker WSET) und ich (ebenfalls angehende Weinakademikerin WSET), Werner Elflein und Thorsten Kogge.

Mir wurde schnell klar, dass die Profis eine andere Herangehensweise an den Wein haben, als die Freaks. Der Profi geht mit Toleranz (jeder Wein hat seine Berechtigung und Zielgruppe) an den Wein und will ihn sowie seine Macher erforschen, ergründen, sezieren, erkennen und erklären.

Der Freak scheint mir da eher intoleranter, da er klare Vorstellungen vom Wein hat und nach seinem maximalen, subjektiven Geschmackserlebnis verlangt.

Das Weingut: Das Weingut Balthasar Ress, Inhaber Christian Ress, befindet sich in Hattenheim/Rheingau, bewirtschaftet 42 ha Rebfläche, produziert 250.000 Flaschen im Jahr (93% Riesling / 7% Spätburgunder) und gehört dem VDP an. Im Gault-Millau hat er 3 Trauben mit aufsteigender Tendenz.

Der Jahrgang 2011: Mit dem langen Winter, Spätfrösten im Mai, einem außergewöhnlich trockenen Frühjahr und den starken Niederschlägen im August war 2011 ein Weinjahr der Extreme. Die Blüte hat bereits drei Wochen früher als im langjährigen Mittel begonnen und die Reifezeit der Beeren war immer noch zweieinhalb Wochen zeitiger als gewöhnlich. Der Beginn der Weinlese 2011 um den 12. September wird als der früheste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen (1955) in die Annalen der Rheingauer Weingeschichte eingehen. Für das Rebenwachstum war die Jahreswitterung insgesamt sehr günstig. Der Spätfrost Anfang Mai wirkte sich im Rheingau glücklicherweise kaum aus. Die außergewöhnlich frühe Lese war durch den frühen Reifestand der Trauben und eine feucht warme Witterung bedingt. Letztlich hat sich aber der Mut bewiesen abzuwarten, denn das Bilderbuchherbstwetter erlaubte dann doch noch eine entspannte Lese. Im Rheingau wurden bei einem durchschnittlichen Hektarertrag von 84 hl/ha insgesamt etwa 258.000 hl Weinmost geerntet. Dieses Ergebnis liegt geringfügig über dem langjährigen Mittel und passt optimal in die Vermarktungssituation, die in diesem Jahr von der kleinen Vorjahresernte geprägt war. Mit den 2011er Qualitäten ist man sehr zufrieden. Beim Riesling wurden zu 75 % Prädikatswein geeignete Trauben geerntet, beim Spätburgunder waren es 50 %. Auch edelsüße Spezialitäten wie Trockenbeerenauslesen mit über 250° Oechsle wurden bereits gelesen. Die ersten Jahrgangsweine präsentieren sich mit guter Säurebalance und ausgesprochen fruchtig (Quelle: DWI – Deutsches Weininstitut)

 

Die Weine: Sämtliche Weine verbindet eine Maischestandzeit von 3 Tagen und mehr sowie Spontanvergärung im großen Holzfass. Sie liegen auf der kompletten Hefe bis Mitte Mai bzw. Mitte Juni. Mir gefällt die Ausstattung sehr gut, traditionelles Etikezt (erinnert mich ein wenig an Robert Weil), die Goldkapsel paßt ebenso und wirkt nicht antiquiert. Eine gute Mischung von Tradition und Moderne.

Wir verkosten die Weine wie Mario Scheuermann es auch tat: dem Alkoholgehalt nach aufsteigend!

2011 Hattenheimer Nussbrunnen Riesling Erstes Gewächs – 27,50 €– 12,5% vol.  – 3 g Restzucker – 5 g Säure – sandiger Lehm und tiefgründiger Lössboden

Strahlend helles Goldgelb mit guter Viskosität/Schlierenbildung
Die Nase sauber, verhalten, oxidativ (beabsichjtigt?)
Gaumen trocken, präsente Säure, kraftvoller bis brandig wirkender Alkohol. kräftiger Körper, Aromen von Grapefruit, Aprikose, wirkt leicht erdig, deutliche Noten von Bittermandel und Orangenzester, Aprikose, mittlerer Abgang.
Mein Fazit: Ein facettenreicher Wein, bei dem (momentan) Alkohol und Säure noch nebeneinander stehen, wirkt (noch) unbalanciert

2011 Hattenheimer Engelmannsberg Riesling QbA trocken – 22,00 € – 13% vol. – 3 g Restzucker – 5 g Säure – Löss/Lehm, leichter tertiärer Mergel

Strahlendes mittleres Goldgelb mit deutlicher Viskosität
Die Nase sauber, typische Sponti-Note, Aromen von Zitrus, Grapefruit, Lakritze (Süssholz), Apfel, typische  Rieslingaromen!
Am Gaumen trocken, präsente Säure, kräftiger Körper, Bitterstoffe, ausgeprägt Quitte, mittlerer Alkohol, mineralisch, kompakt, griffig. Aromen von Apfel, Grapefriut, Akazienhonig, zitrische Noten.
Mein Fazit: komplexer Wein mit sehr gut eingebundenem Alkohol, guter Länge, balanciert, guter Säurestruktur Dieser Wein hat Potential aufgrund seiner Konzentration, Länge und Rebsortentypizität.

 

2011 Hattenheimer Berg Rottland Riesling – 29,50 € – 13,5% vol. – 6,5g Säure – 0 g Restzucker – steinig, skelettreich, hoher Anteil an rotem Schiefer, Quarzit und Kies

Dieser Wein polarisiert. Der hat Freunde oder Feinde! Ich kann und mag ihn an dieser Stelle nicht beschreiben! Werde ihn nachbestellen und nochmals für mich alleine verkosten. Gestern habe ich ihn nicht verstanden!

2011 Berg Schlossberg Riesling Erstes Gewächs – 32,50 € – 14% vol.- 8 g Restzucker – 5,5 g Säure – steiniger bis stark steiniger Quarzitschiefer mit vereinzelt roten Schiefereinlagerungen

Strahlendes sauberes Goldgelb – hohe Viskosität
Sauber in der Nase, ausgeprägt, warm, gelbe Marille, grüner Tee, tropische Früchte,  Passionsfrucht, leichte Litschi Dörraprikose, komplex
Am Gaumen spürbarer Süßegrad, dezente Säure, kraftvoller Körper, ausgeprägte Geschmacksintensität, Rosenholz, Lavendelhonig, grüner Tee, leichte Botrytisnote, mittlerer Alkohol, erste Reifenoten, langer Abgang
Mein Fazit: es handelt sich hier um einen komplexen Wein, der die Rebsorte und den Boden nicht zeigt. Der Wein hat eine sehr gute Länge, ist gut balanciert und opulent

Wichtig: Diese Weine müssen dekantiert werden und sind in jedem Fall zu jung (und von uns zu schnell) getrunken. Das Verkosten hier ist eine Tagesarbeit, wenn nicht eine Mehrtagesarbeit!

Mein Fazit insgesamt: Die Weine und besonders der Berg Rottland sind Weine, die stark polarisieren. Aufgrund ihrer „Einzigartigkeit“ aber auch aufgrund der gesamten Kommunikation, die darüber stattfindet. Man kann sie oft nicht greifen und sucht vergeblich nach Vergleichbarem. Rebsortentypisch sind in jedem Fall die ersten drei Weine, auch wenn der Kellermeister das nicht wirklich will. Die Weine haben im Rheingau eine Alleinstellung. Deshalb ist wsohl der Berg Rottland durch die Erste Gewächse-Prüfung gefallen. Die Kommission hat den Wein nicht verstanden – so wie es mir gestern auch ging!

Der Rheingau braucht dringend Veränderungen. Ob das jetzt mit Ress gelingt, wird sich zeigen. Zu wünschen ist es ihm allemal. Schließlich hat es Günther Schulz mit seinem Chat Sauvage auch gewagt und der Erfolg gibt ihm Recht! Auch er wurde mit seinem Clos de Schulz ofmals belächelt!

Es entfachte sich gestern eine hitzige Diskussion über die vergebenen Punkte. Schon alleine, dass der Berg Rottland 96(!) von 100 Punkten erhalten hat. Ein Wein, den wir alle nicht verstanden haben. Ich bin überhaupt kein „Punkte-Mensch“, weil sie mich schlichtweg nicht interessieren. Ich verlasse mich da gerne auf meinen eigenen Geschmack und meine eigene Erfahrung.

Es sind sicher keine Mainstream-Weine und werden nicht jedermann gefallen. Wem sie gefallen, der wird sie lieben; wem sie nicht gefallen, der wird sie verteufeln!

Einige erfahrene Weinkritiker, darunter auch Helmut O. Knall, dessen Urteil ich sehr schätze, bejubeln diesen Wein. Es ist offensichtlich was ganz Großes. Deshalb möchte ich hier keine abschließende Beurteilung der Weine abgeben, denn ich werde mich nicht über die genannten Weinkritiker stellen. Das wäre schlichtweg vermessen. Wir werden sehen, wie sich die Weine entwickeln und ob die Herren Ress und Würtz Recht in ihrem Tun behalten.

Die Zielgruppe muss gefunden und bedient werden. Und das ist immer noch meine Kernfrage: Wer ist das Zielpublikum? Sicher nicht der Fachhandel, dazu sind die Weine (noch) zu erklärungsintensiv. Kenner? Das ist vom großen Kuchen nur sehr wenig.

 


5 Kommentare

5 Kommentare zu Die vier Musketiere aus dem Rheingau

  1. bis auf 1 schreibfehler
    …traditionelles Etikezt (erinne…
    sorry – nein erlich – sehr gut ge- und beschrieben.
    die frage nach der zielgruppe und vermarktung für
    einige weine dieser güte ist durchaus berechtigt.

  2. Interessanter Kommentar über Weine aus meiner Lieblingsgegend Rheingau. Was bedeutet “Der Rheingau braucht dringend Veränderungen”? Für mich gibt es gerade im Hinblick auf die Mineralität absolute Alleinstellungsmerkmale. Ich muss allerdings gestehen, dass ich vor allem Weine vom “Schloss Schönborn” kenne.

    • Mit dem Hinweis “Der Rheingau braucht dringend Veränderungen” meine ich, dass der Rheingau für sich viel zu verschlafen ist. Aus dem RHeingau kennt man nur die großen VDP’ler. Aber der Rheingau hat eine Menge mehr zu bieten. Er mss sich mehr ins Gespräch bringen und mehr mit seinem Könenn punkten.

  3. Ok, das stimmt absolut. Wenn man hier in der Schweiz von deutschen Weinen spricht oder diese im Angebot hat, sind die Mosel-Weine meist am stärksten vertreten.

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